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Jeremy Corbyn
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Jeremy Bernard Corbyn (* 26. Mai 1949 in Chippenham, Wiltshire) ist ein britischer GewerkschaftsfunktionĂ€r und Politiker (bis 2020 Labour Party, seit 2025 Your Party). Corbyn trat Labour bereits als Teenager bei. Nach subalternen Posten wurde er 1983 als Labour-Kandidat fĂŒr den Wahlkreis Islington North aufgestellt, einer traditionellen Hochburg der Labour-Partei. Nach seinem Einzug in das britische Unterhaus trat er als Aktivist (etwa in der Campaign for Nuclear Disarmament) hervor und verweigerte sich bei Abstimmungen im Unterhaus regelmĂ€Ăig der von den Whips vorgegebenen offiziellen Parteilinie. Auch als Labour nach dem Wahlsieg 1997 wieder an die Macht kam, setzte er seine Opposition gegen die offizielle Parteilinie fort und blieb ein unbotmĂ€Ăiger HinterbĂ€nkler. 2003 war er einer der lautstĂ€rksten Gegner des von Premierminister Tony Blair und US-PrĂ€sident George W. Bush initiierten Irakkriegs. Nachdem Ed Miliband bei der Unterhauswahl 2015 unterlag und zurĂŒcktrat, wurde Corbyn in einer ĂŒberraschenden Kampagne zum neuen ParteifĂŒhrer der Labour-Partei gewĂ€hlt. Von 2015 bis 2020 war er Parteivorsitzender und OppositionsfĂŒhrer. Nach der verlorenen britischen Unterhauswahl 2019 erklĂ€rte er, sich als ParteifĂŒhrer zurĂŒckziehen zu wollen. Corbyn war seit Oktober 2020 im Unterhaus fraktionslos. Als unabhĂ€ngiger Kandidat gewann er die vorgezogenen Unterhauswahl am 4. Juli 2024 im Londoner Stadtviertel Islington.cite-ref-2-1-0[1]
Corbyn gilt als âklassischer Linker der Achtzigerjahreâ. Er steht der Ausrichtung von âNew Labourâ und einer AusteritĂ€tspolitik ablehnend gegenĂŒber, befĂŒrwortet einen NATO-Austritt seines Landes, eine pazifistische AuĂenpolitik, sowie eine Verstaatlichung öffentlicher Versorgungsunternehmen. WĂ€hrend seiner Zeit als Parteivorsitzender wurde ĂŒber Antisemitismus in der Labour-Partei diskutiert. Corbyn wurde vorgeworfen, diesen toleriert zu haben.
Contents
âą VorwĂŒrfe
âą Privates
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Leben und politischer Werdegang
Jeremy Corbyn wurde als Sohn des Elektroingenieurs David Corbyn und dessen Ehefrau Naomi, einer Mathematiklehrerin an der Stafford Girlsâ High School (heute: King Edward VI High School), geboren. Seine Eltern (gestorben 1986 und 1987) waren politische Aktivisten, die sich in einem Komitee zur UnterstĂŒtzung der Republikaner im Spanischen BĂŒrgerkrieg kennengelernt hatten.cite-ref-2[2]cite-ref-3[3] Sein Ă€lterer Bruder ist der Physiker Piers Corbyn.
Corbyn wuchs in Newport (Shropshire) auf. Er besuchte die dortige Adamsâ Grammar School. Nach dem Schulabschluss im Alter von 18 Jahren arbeitete er zunĂ€chst zwei Jahre im Voluntary Service Overseas (VSO)cite-ref-4[4] in Jamaika, bevor er FunktionĂ€r der Gewerkschaft National Union of Public Employees (NUPE) (Gewerkschaft fĂŒr die BeschĂ€ftigten im Ăffentlichen Dienst) wurde.cite-ref-5[5] Nachdem er kurze Zeit am North London Polytechnic (heute: University of North London; Teil der London Metropolitan University) studiert hatte, brach er das Studium ab und arbeitete als FunktionĂ€r fĂŒr die Gewerkschaft National Union of Tailors and Garment Workers (NUTGW).
1974 wurde er in den Rat (Council) des Londoner Stadtbezirks von Haringey gewĂ€hlt (Councillor), in den er mehrmals wiedergewĂ€hlt wurde und dort bis 1984 blieb.cite-ref-6[6] Corbyn arbeitete im September 1981 in Tony Benns Wahlkampagne mit, der sich in einem richtungsweisenden Wahlkampf um den Posten des Stellvertretenden Parteivorsitzenden bewarb.cite-ref-7[7] Benn war fĂŒhrender ReprĂ€sentant und Vordenker der sogenannten harten Linken; er unterlag dem moderaten Denis Healey. 1983 wurde Corbyn erstmals fĂŒr die Labour Party im Wahlkreis Islington North ins britische Unterhaus gewĂ€hlt. Der Wahlkreis gilt traditionell als eine sichere Labour-Hochburg. Corbyn konnte seinen Wahlkreis seither ungefĂ€hrdet erfolgreich verteidigen.cite-ref-8[8] Nach seinem Einzug in das Unterhaus war er lange ein HinterbĂ€nkler ohne Funktion in der Partei; gleichzeitig trat er schnell als Aktivist (zum Beispiel in der Campaign for Nuclear Disarmament oder fĂŒr einen souverĂ€nen Staat PalĂ€stina) hervor. Seine sichere Position in seinem Wahlkreis erlaubte es ihm, sich bei Abstimmungen im Unterhaus regelmĂ€Ăig der von den Whips der Partei vorgegebenen offiziellen Parteilinie zu verweigern. Auch als Labour nach dem Wahlsieg 1997 wieder an die Macht kam und Tony Blair Premierminister wurde, setzte Corbyn seine regelmĂ€Ăige Opposition gegen die offizielle Parteilinie fort. Im Jahr 2003 kulminierte sein Widerstand in seiner lautstarken Opposition gegen den von Blair und US-PrĂ€sident George W. Bush initiierten Irakkrieg.
Wahl zum Parteivorsitzenden 2015
| Kandidat | Stimmen | Prozent |
|---|---|---|
| Jeremy Corbyn | 251.417 | 59,5 % |
| Andy Burnham | 80.462 | 19,0 % |
| Yvette Cooper | 71.928 | 17,0 % |
| Liz Kendall | 18.857 | 4,5 % |
| Gesamt | 422.664 | 100,0 % |
Nach der fĂŒr Labour enttĂ€uschend verlaufenden Unterhauswahl am 7. Mai 2015 trat der bisherige Parteivorsitzende und Spitzenkandidat Ed Miliband von seinen ParteiĂ€mtern zurĂŒck, so dass eine Neuwahl des Vorsitzenden notwendig wurde. Neben Corbyn fĂŒhrten drei weitere Kandidaten einen innerparteilichen Wahlkampf. Tony Blair, von 1994 bis 2007 Labour-Vorsitzender und von 1997 bis 2007 Premierminister, warnte im August 2015, Labour stehe vor der Vernichtung, falls Corbyn gewĂ€hlt werde. Es sei der richtige Moment fĂŒr ein ârugby tackleâ: Jemand mĂŒsse diesen linken Schlafwandler aufhalten.cite-ref-guard-10-0[10]cite-ref-sp1-11-0[11]
Am 12. September 2015 wurde Corbyn in einer Urwahl unter den etwa 554.000 Wahlberechtigten (Parteimitglieder sowie zugelassene UnterstĂŒtzer), von denen knapp 423.000 teilnahmen, mit 59,5 % im ersten Wahlgang zum neuen Vorsitzenden der Labour-Partei gewĂ€hlt. Die Wahlbeteiligung lag bei 72,3 %.cite-ref-12[12] Am 11. November 2015 wurde Corbyn Mitglied des Privy Council, wie es fĂŒr OppositionsfĂŒhrer ĂŒblich ist. Seitdem trĂ€gt er auch das PrĂ€dikat The Right Honourable.cite-ref-13[13] Unter Corbyns Parteivorsitz erlebte die Labour Party einen erheblichen Zustrom neuer Mitglieder. Unmittelbar vor der Unterhauswahl im Mai 2015 hatte die Partei 201.293 Mitglieder. Diese Zahl stieg bis Januar 2016 auf 388.407.cite-ref-14[14]cite-ref-15[15]
Vertrauenskrise nach dem EU-Referendum
Nach dem Referendum ĂŒber den Verbleib des Vereinigten Königreichs in der EU im Juni 2016 erklĂ€rten die beiden Labour-Parlamentsabgeordneten Margaret Hodge und Ann Coffey, dass sie ein Misstrauensvotum gegen Corbyn stellen wollten. Corbyns zögerliche und wenig engagierte Haltung in der Frage des Austritts aus der EU habe mit zu dem Ausgang der Abstimmung beigetragen. Die AnkĂŒndigung weitete sich anschlieĂend zu einer parteiinternen FĂŒhrungskrise aus. Bis zum 28. Juni erklĂ€rten insgesamt 20 der 30 Mitglieder ihren RĂŒcktritt aus dem von Corbyn gefĂŒhrten Labour-Schattenkabinett. Der AuĂenminister im Schattenkabinett, Hilary Benn, der Corbyn direkt kritisiert hatte, wurde von diesem daraufhin entlassen. Benn sprach Corbyn in einem Interview der BBC die notwendigen FĂŒhrungsqualitĂ€ten ab, die zum gegenwĂ€rtigen Zeitpunkt besonders nötig seien, da es möglicherweise bald Neuwahlen geben werde. Mit Corbyn an der Spitze könne Labour keine Wahl gewinnen.cite-ref-16[16] In einer Vertrauensabstimmung am 28. Juni stimmten 172 der Labour-Unterhausabgeordneten gegen Corbyn und 40 fĂŒr ihn. Corbyn lieĂ daraufhin erklĂ€ren, dass dieses Votum âbedeutungslosâ sei. AuĂerhalb des Parlaments fanden mehrere Kundgebungen der Momentum-Gruppierung, die Corbyns damalige Wahl zum Parteivorsitzenden maĂgeblich vorangetrieben hatte, zu dessen UnterstĂŒtzung statt.cite-ref-17[17] WĂ€hrend der FĂŒhrungskrise nach dem Referendum erlebte Labour einen Masseneintritt von etwa 100.000 neuen Mitgliedern, so dass die Zahl der Labour-Parteimitglieder auf etwa eine halbe Million anstieg. Von den neuen Mitgliedern wurde angenommen, dass die meisten Corbyn unterstĂŒtzen wollten.cite-ref-18[18] Im Februar 2019 verlieĂ eine Gruppe aus Protest gegen die Politik Corbyns die Partei.cite-ref-19[19]
| | Jeremy Corbyn | Owen Smith |
|---|---|---|
| Parteimitglieder | 168.216 | 116.960 |
| Registrierte UnterstĂŒtzer | 84.918 | 36.599 |
| Verbundene UnterstĂŒtzer | 60.075 | 39.670 |
| Stimmen gesamt | 313.209 | 193.229 |
| Stimmen Prozent | 61,8 % | 38,2 % |
Am 11. Juli 2016 erklĂ€rte Angela Eagle â ehemals Mitglied von Corbyns Schattenkabinett â ihre Kandidatur fĂŒr den Labour-Parteivorsitz.cite-ref-22[22] Am 13. Juli folgte Owen Smith, auch ein ehemaliges Mitglied des Schattenkabinetts, als weiterer Kandidat.cite-ref-23[23] Nachdem Eagle nicht genĂŒgend UnterstĂŒtzer in der Labour-Unterhausfraktion gefunden hatte, beendete sie am 19. Juli ihre Kandidatur und erklĂ€rte ihre UnterstĂŒtzung fĂŒr Smith.cite-ref-24[24] Zur Wahl standen damit nur noch Corbyn und Smith. Vom 22. August bis 21. September 2016 wurde der neue Labour-Vorsitzende in einer Urwahl durch die Labour-Mitglieder und registrierte Labour-UnterstĂŒtzer gewĂ€hlt. Corbyn versuchte sich auf dem Posten des Parteichefs zu behaupten und versprach staatliche Investitionen in Höhe von 500 Milliarden Pfund.cite-ref-25[25] Am 24. September wurde auf einer Sonderkonferenz in Liverpool das Ergebnis bekanntgegeben. Corbyn gewann die Wahl mit 61,8 % der Stimmen.cite-ref-urwahl2-20-1[20]
Unterhauswahl 2017
Zur Unterhauswahl 2017 trat die Labour Party mit einem Reformprogramm an, das massive öffentliche Investitionen in Infrastrukturprojekte (darunter einen starken Ausbau der erneuerbaren Energien) vorsah, finanziert durch höhere Einkommensteuern fĂŒr Wohlhabende und Reiche, eine Vermögensteuer und eine Finanztransaktionssteuer. Bahnunternehmen, Post, Wasserversorgung und Gesundheitswesen sollten wieder verstaatlicht werden.cite-ref-26[26]cite-ref-27[27] Corbyn trat erstmals als Spitzenkandidat der Labour Party an, Premierministerin Theresa May erstmals als Spitzenkandidatin der Konservativen. Bei der Wahl gewann Labour 9,5 Prozentpunkte hinzu, kam auf 40,3 % der Stimmen und 262 Mandate. Die Konservativen lagen bei der Anzahl der Stimmen mit 42,4 % nur knapp darĂŒber (plus 5,5 Prozentpunkte), erzielten im Mehrheitswahlsystem aber 318 Mandate. Sie verloren die absolute Mehrheit im Unterhaus und mussten danach eine Koalition mit der Democratic Unionist Party eingehen. Die nationalistische UKIP verlor 10,8 Prozentpunkte der Stimmen.
Am 18. Februar 2019 verlieĂen einige Abgeordnete die Labour-Fraktion und grĂŒndeten The Independent Group, eine eigene Fraktion. In ihrer BegrĂŒndung wandten sie sich vor allem gegen die FĂŒhrung des Parteivorsitzenden Jeremy Corbyn. Sie warfen ihm eine verfehlte Brexit-Politik, die Duldung von Antisemitismus in der Partei und eine linksradikale Agenda bei der Wirtschafts- oder Sicherheitspolitik vor.cite-ref-28[28]
Unterhauswahl 2019
Corbyn fĂŒhrte Labour in die Britische Unterhauswahl 2019 mit einem Wahlmanifest, welches einen zweckmĂ€Ăigen Brexit-Deal mit der EU binnen kurzer Zeit versprach, der in einem zweiten Referendum vorgelegt werden solle. Innenpolitisch versprach Labour ein Investitionsprogramm von 400 Milliarden Pfund und umfangreiche Wiederverstaatlichungen der in den 1980er Jahren privatisierten Betriebe. Labour verlor die Unterhauswahl mit dem fĂŒr die Partei schlechtesten Ergebnis seit 1935 gemessen an der Sitzverteilung. Labour verlor insgesamt 59 Sitze im Unterhaus und konnte insgesamt nur 203 Wahlkreise gewinnen; dazu gingen auch viele Wahlkreise im sogenannten red wall, einer Ansammlung von Wahlkreisen in Nordengland und den Midlands, die seit vielen Jahrzehnten ununterbrochen Labour-Abgeordnete gewĂ€hlt hatten, an die siegreiche Conservative Party unter Premierminister Boris Johnson verloren. Corbyn selbst gewann seinen eigenen Wahlkreis Islington North mit einer reduzierten Mehrheit. Viele namhafte Labour-Mitglieder und eine Mehrheit der Kommentatoren in den britischen Tageszeitungen machten Corbyn persönlich fĂŒr das historisch schlechte Abschneiden mitverantwortlich. So bezeichneten einige Labour-Parteimitglieder Corbyn als âtoxischâ fĂŒr den Wahlkampf der Partei. Dagegen lehnte Corbyn, obwohl er damals der unpopulĂ€rste OppositionsfĂŒhrer seit Beginn dieser Umfrage vor 45 Jahren war, eine persönliche Verantwortung fĂŒr den Ausgang der Wahl ab. Er gab bekannt, die Labour-Partei nicht mehr in die nĂ€chste Unterhauswahl fĂŒhren zu wollen, lieĂ einen RĂŒcktritt jedoch zunĂ€chst offen.cite-ref-bbc-2019-29-0[29]cite-ref-bbc-784811-30-0[30]cite-ref-nzz-1528296-31-0[31]cite-ref-theguard-201913-32-0[32]cite-ref-co-245721-33-0[33]cite-ref-ft-482183-34-0[34]cite-ref-economis-191213-35-0[35]cite-ref-heraldsc-101036-36-0[36]cite-ref-co-246701-37-0[37] Am 15. Dezember 2019 wurde bekannt, dass Corbyn den Parteivorsitz trotz RĂŒcktrittsforderungen aus seiner Partei bis zur fĂŒr Ende MĂ€rz 2020 geplanten Wahl seines Nachfolgers behalten wolle. Innerhalb der Partei entstand eine Diskussion darĂŒber, ob die Haltung der Partei zum Brexit oder die ParteifĂŒhrung fĂŒr das Wahlergebnis hauptverantwortlich ist. Corbyn forderte seine enttĂ€uschten AnhĂ€nger auf, nicht aufzugeben und weiter fĂŒr eine bessere Gesellschaft zu kĂ€mpfen.cite-ref-38[38] Am 4. April 2020 wurde Keir Starmer zum Nachfolger Corbyns als Parteivorsitzender gewĂ€hlt.cite-ref-39[39]
Im Nachgang der Wahl 2019 wurde durch geleakte Dokumente deutlich, dass Corbyns Team viele Ressourcen auf Wahlkreise konzentriert habe, die eigentlich von den Konservativen dominiert werden. Umgekehrt seien dagegen hart umkÀmpfte Wahlkreise nicht priorisiert worden. Davon betroffen waren beispielsweise Wahlkreise wie Stoke-on-Trent North, wo Ruth Smeeth, Vorsitzende der Gruppe Jewish Labour Movement und entschiedene Kritikerin Corbyns, in der Folge die Wahl verlor.cite-ref-40[40]
Am 29. Oktober 2020 wurde nach einem Bericht der EHCR, der verstĂ€rkt antisemitische Tendenzen in der Labour Partei unter Corbyn bemĂ€ngelte und auch seine Person verstĂ€rkt in der Kritik stand, insbesondere aufgrund von antisemitischen Social Media Postings, bekannt, dass Corbyn aus der Partei ausgeschlossen und nicht mehr fĂŒr Labour bei den nĂ€chsten Wahlen antreten wĂŒrde.cite-ref-41[41]
Unterhauswahl 2024
Nachdem im Mai 2024 der Termin fĂŒr die Unterhauswahl auf den 4. Juli festgelegt worden war, kĂŒndigte Corbyn am 24. Mai an, in Islington-Nord als unabhĂ€ngiger Kandidat anzutreten.cite-ref-42[42] Er gewann den Wahlkreis mit 24.120 Stimmen vor dem Labour-Kandidaten Praful Nargund, auf welchen 16.874 Stimmen entfielen.cite-ref-2-1-1[1]
Neue ParteigrĂŒndung
Gemeinsam mit Zarah Sultana kĂŒndigte Corbyn am 24. Juli 2025 die GrĂŒndung einer neuen, linken Partei an, der Your Party.cite-ref-43[43]
Politische Positionen
Corbyn, der sich selbst als âdemokratischen Sozialistenâ bezeichnet, gilt als âein klassischer Linker der Achtzigerjahreâcite-ref-44[44] und steht der britischen Monarchie, New Labour sowie der AusteritĂ€tspolitik David Camerons ablehnend gegenĂŒber. Er befĂŒrwortet einen NATO-Austritt seines Landes, eine pazifistische AuĂenpolitik, eine Verstaatlichung öffentlicher Versorgungsunternehmen sowie die Abschaffung von StudiengebĂŒhren. Zur Monarchie Ă€uĂerte Corbyn 2015, er sei im Herzen BefĂŒrworter einer Republik, doch mache die PopularitĂ€t der Königsfamilie eine Ănderung der Staatsform unwahrscheinlich. Das Thema habe fĂŒr ihn keine PrioritĂ€t, da er vor allem sozialpolitisch tĂ€tig sein wolle.cite-ref-45[45]
Corbyn ist als Gegner der britischen NuklearrĂŒstung, darunter insbesondere der Trident-bestĂŒckten Vanguard-Atom-U-Boote, bekannt. Im Juli 2016 stimmte er im Unterhaus im Gegensatz zur Mehrheit der Labour-Fraktion gegen die anstehende Erneuerung der U-Boote.cite-ref-46[46] FĂŒr Kontroversen sorgte auch seine Aussage, dass er als Premierminister niemals den Befehl zum Einsatz von Nuklearwaffen geben werde. Kritiker warfen ihm vor, damit das ganze Konzept der nuklearen Abschreckung zu konterkarieren.cite-ref-47[47] In einem Interview in der Sunday Times drohte ein namentlich nicht genannter britischer Generalcite-ref-48[48] mit einer Meuterei der Armee fĂŒr den Fall, dass Corbyn seine AbrĂŒstungsplĂ€ne als Premierminister verwirklichen sollte. Wörtlich sagte er: â[D]er Generalstab wĂŒrde einem Premierminister nicht erlauben, die Sicherheit des Landes aufs Spiel zu setzenâ und drohte mit RĂŒcktritten âauf allen Ebenenâ.cite-ref-49[49] Das britische Verteidigungsministerium verurteilte diese Drohung.cite-ref-50[50] Corbyn war ein Gegner des Kosovokriegs, weil dieser ohne UN-Mandat gefĂŒhrt wurde.cite-ref-51[51] Im Jahr 2004 unterstĂŒtzte er einen parlamentarischen Antrag,cite-ref-52[52] in dem das Unterhaus aufgefordert wurde, einem im New Statesman veröffentlichten Artikel des Journalisten John Pilgercite-ref-53[53] zuzustimmen. In dem Antrag wurde der Krieg als âsogenannte humanitĂ€re Interventionâ mit erfundenen BegrĂŒndungen bezeichnet.cite-ref-54[54]
Corbyn protestierte in der Vergangenheit gegen eine öffentlich-private Partnerschaft bei Infrastrukturprojekten, befĂŒrwortete höhere Einkommensteuern fĂŒr die âReichsten in der Gesellschaftâ,cite-ref-55[55] eine Forderung, die er vor den Unterhauswahlen im Dezember 2019 wiederholte, und trat fĂŒr höhere Gewerbesteuern ein. Ehemalige Staatsbetriebe sollten wieder verstaatlicht werden, insbesondere im Energie- und Transportbereich.cite-ref-56[56] Zitierte Analysten in den Zeitungen The Guardian, Financial Times und andere kalkulierten im Jahr 2015 die Kosten der Nationalisierungen von den sechs groĂen Energieunternehmen inklusive der National Grid auf mindestens 124 Milliarden Pfund. Die finanziellen Mittel dafĂŒr sollten einerseits durch die höheren Steuern, andererseits durch gröĂere BemĂŒhungen in der Steuereintreibung aufgebracht werden. Um in Sozialwohnungen und öffentliche Verkehrsmittel investieren zu können, solle eine âNational Investment Bankâ gegrĂŒndet werden, die sich finanziert, indem sie Anleihen der Bank of England verkauft (Quantitative Lockerung fĂŒr die Menschen). Auch tritt Corbyn dafĂŒr ein, die Forderung nach einer âVerstaatlichung der Produktionsmittelâ wieder in die Statuten der Labour Party aufzunehmen.cite-ref-57[57]
In der Vergangenheit war Corbyn einer der schĂ€rfsten Kritiker des New-Labour-Projekts von Tony Blair, Gordon Brown und Peter Mandelson und lehnte sowohl deren Wirtschaftspolitik als auch deren auĂenpolitische Ausrichtung ab. Als Vorsitzender der englischen Stop the War Coalition trat er auf Demonstrationen gegen den Irakkrieg auf und unterstĂŒtzte frĂŒhzeitig die Forderung nach einer Untersuchungskommission ĂŒber die GrĂŒnde des Kriegsbeginns. Nachdem Umfrage-Ergebnisse eine Wahl Corbyns zum Parteivorsitzenden im Sommer 2015 möglich erscheinen lieĂen, wurde er von Blair publizistisch massiv angegriffen: Unter FĂŒhrung Corbyns drohe der Labour Party bei der nĂ€chsten Wahl die âAuslöschungâ; Corbyns Politik sei in einer âParallelwelt wie bei Alice im Wunderlandâ angesiedelt, so Blair.cite-ref-58[58]
In einem BBC-Interview im November 2015 sagte Corbyn, er sei ânicht glĂŒcklichâ mit einer Politik gezielter TodesschĂŒsse, es sei die Aufgabe von Sicherheitsorganen, Menschen am Abfeuern von Waffen zu hindern.cite-ref-59[59] Die Aufsichtsbehörde der BBC, der BBC Trust, stellte im Januar 2017 fest, dass die politische Korrespondentin Laura Kuenssberg diese ĂuĂerung fehlerhaft und parteiisch wiedergegeben hat.cite-ref-60[60]
Die Tageszeitung The Times schrieb, dass Corbyn Verbindungen zu einem Pro-PKK-Lobby-Netzwerk habe. AuĂerdem sei er Schutzherr der Organisation Peace in Kurdistan. Diese gilt als der PKK nahestehend.cite-ref-61[61] In einer parlamentarischen Anfrage aus dem Jahr 2013 setzte sich Corbyn fĂŒr eine Aufhebung des Verbots der PKK ein.cite-ref-62[62] 2016 plĂ€dierte er fĂŒr eine Einbeziehung Ăcalans in den tĂŒrkischen Friedensprozess.cite-ref-63[63]
Der Journalist Glenn Greenwald verglich die Ablehnung Corbyns durch britische Politiker und Medien mit der Reaktion auf Bernie Sanders in den Vereinigten Staaten.cite-ref-64[64]
Im Oktober 2023 lehnte Corbyn es ab, die Hamas nach dem Terrorangriff auf Israel als Terror-Organisation zu verurteilen, sagte aber, er kritisiere jegliche gewalttĂ€tigen Angriffe.cite-ref-65[65]cite-ref-66[66] Er forderte zudem, Israels mĂŒsste die âBesetzung PalĂ€stinasâ beenden. Im Tribune schrieb Corbyn, Israel habe âKrankenhĂ€user ins Visier genommen, KrankenrettungswĂ€gen zerstört und KindergĂ€rten beschĂ€digtâ. Man sei womöglich âZeuge der totalen Vernichtung von Gaza und dessen Bevölkerungâ. Es handle sich ânicht um einen Konflikt zwischen Gleichen, sondern um die systematische Aushungerung, Unterwerfung und Zerstörung einer unbewaffneten Zivilbevölkerungâ.cite-ref-67[67]cite-ref-68[68]
Antisemitismus-Kontroversen
In der Labour-Partei in den Jahren vor Corbyns Wahl zum Parteivorsitzenden wurde Antisemitismus gemeinhin nicht als Problem gewertet. Kritiker von Corbyn behaupten, dies habe sich seither geĂ€ndert, und sowohl Jeremy Corbyn als auch einige seiner engen Mitarbeiter und Freunde sind in den Fokus der Kritik gerĂŒckt; ihnen wird unter anderem vorgeworfen, zu wenig gegen Antisemitismus unternommen zu haben.cite-ref-69[69] Im Oktober 2016 gab ein parlamentarischer Ausschuss an, keine âzuverlĂ€ssigen und empirischen Beweise fĂŒr die Annahme einer stĂ€rker ausgeprĂ€gten PrĂ€valenz von antisemitischen Verhaltensweisen innerhalb der Labour-Partei im Vergleich zu anderen politischen Parteienâ feststellen zu können.cite-ref-70[70]
Als âSozialist der alten antiimperialistischen 68er-Schuleâ wird Corbyn wegen âisraelkritischerâ ĂuĂerungen teilweise selbst, wie etwa von Richard C. Schneider, in die NĂ€he zum Antisemitismus gerĂŒckt.cite-ref-1-71-0[71]
VorwĂŒrfe
2009 soll Corbyn die Terrororganisation Hamas und die damals bereits teilweise als Terrororganisation eingestufte Hisbollah laut The Jewish Chronicle und The Daily Telegrph als âFreundeâ bezeichnet haben.cite-ref-72[72]cite-ref-73[73] Im August 2015 veröffentlichte The Jewish Chronicle eine Liste von Fragen an Corbyn, die unter anderem seine UnterstĂŒtzung fĂŒr die Hamas, Hisbollah und die al-Quds-Tag-Demonstrationen betrafen.cite-ref-74[74] Corbyns Sprecher erwiderten, es sei die feste Ăberzeugung des Parteivorsitzenden, dass rassistische, antisemitische ebenso wie islamfeindliche Slogans auf Demonstrationen nichts zu suchen hĂ€tten; der Holocaust sei die schlimmste Phase der Geschichte gewesen. BezĂŒglich seiner Kontakte zu Hamas und Hisbollah Ă€uĂerte Corbyn, mit diesen nicht politisch ĂŒbereinzustimmen und sie nicht kollektiv als âFreundeâ bezeichnet zu haben. In seine Versuche, einen Friedensprozess im Nahen Osten in Gang zu bringen, habe er sie als beteiligte Parteien aber einbeziehen mĂŒssen.cite-ref-75[75] Der Vorwurf, bei der Auswahl seiner GesprĂ€chspartner und UnterstĂŒtzer antisemitische KrĂ€fte einzubeziehen, wurde danach öfter erhoben,cite-ref-76[76]cite-ref-77[77] auch von der konservativen Premierministerin Theresa May.cite-ref-78[78]
2010 veranstaltete Corbyn am internationalen Holocaust-Gedenktag im britischen Parlament eine Veranstaltung mit dem Titel Von Auschwitz nach Gaza; ihm wurde vorgeworfen, damit Israel mit den Nationalsozialisten gleichgesetzt zu haben. Corbyn wurde ĂŒberdies fĂŒr einen Vorschlag kritisiert, den Holocaust-Gedenktag nur noch âGedenktagâ nennen zu wollen. 2011 vertrat in einem iranisch finanzierten Fernsehsender die Haltung, das Existenzrecht Israels bei jeglicher Diskussion ĂŒber eine Lösung des Nahostkonflikts als Faktum vorauszusetzen, sei einseitige Voreingenommenheit. 2012 lud Corbyn Raed Salah in das britische Parlament ein, einen zur Gewalt gegen die âZionistenâ aufrufenden arabischen Prediger aus Israel, der in Anlehnung an die mittelalterliche Ritualmordlegende Juden beschuldigt hatte, Blut von nicht jĂŒdischen Kindern zur Brotherstellung zu verwenden.cite-ref-1-71-1[71]cite-ref-79[79] Ebenfalls 2012 teilte Corbyn auf Facebook die Kritik ĂŒber den Abriss einer als antisemitisch eingestuften Wandmalerei des US-GraffitikĂŒnstlers Mear One, die antisemitische Motive enthielt. SpĂ€ter bedauerte Corbyn, das Bild nicht genauer betrachtet zu haben, und erklĂ€rte, nicht aus antisemitischen Motiven, sondern aus Klassenbewusstsein gehandelt zu haben.cite-ref-80[80] 2013 besuchte Corbyn eine umstrittene Veranstaltung der Organisation Deir Yassin Remembered, die an das Massaker von Deir Jassin erinnerte und vom jĂŒdischen Holocaustleugner Paul Eisen initiiert war. Corbyn gab an, er habe ĂŒber Eisen nicht Bescheid gewusst, das Thema der Veranstaltung jedoch als angemessen angesehen.cite-ref-81[81]cite-ref-82[82]cite-ref-83[83] 2013 kritisierte Corbyn auf einer vom Palestinian Return Center organisierten Konferenz âbritische Zionistenâ, jedoch ohne konkrete Personennamen oder Organisationen zu nennen. In einem spĂ€ter aufgetauchten weiteren Videosegment sprach er vom âprogressiven jĂŒdischen Elementâ in GroĂbritannien, das die Balfour-Deklaration abgelehnt und erkannt habe, dass der Zionismus nur Schwierigkeiten bereiten wĂŒrden. Dieser habe, so Corbyn, manche Juden zu einer haarstrĂ€ubenden Position verleitet. Er rechtfertigte sich spĂ€ter, den Begriff Zionismus politisch exakt und ihn nicht als Synonym von Jude verwendet zu haben.cite-ref-84[84]
2016 Ă€uĂerte Corbyn: âOur Jewish friends are no more responsible for the actions of Israel or the Netanyahu government than our Muslim friends are for those of various self-styled Islamic states or organisations.â Von israelischen Politikern und auch im Inland wurde Corbyn kritisiert, da diese Aussage als Vergleich zwischen Israel und dem IS interpretiert wurde.cite-ref-85[85]cite-ref-86[86] Im Oktober 2016 warf der Innenausschuss des britischen Unterhauses Corbyn in einem Report vor, zu wenig FĂŒhrungsstĂ€rke gegenĂŒber antisemitischen ĂuĂerungen an den Tag zu legen und sie dadurch zu begĂŒnstigen. Corbyn wies dies zurĂŒck und beschuldigte den Ausschuss der Einseitigkeit gegenĂŒber Labour.cite-ref-87[87] Auch der Soziologe David Hirsh warf Corbyn âUnterstĂŒtzung fĂŒr Terrorismus und Toleranz gegenĂŒber dem Antisemitismusâ vor.cite-ref-88[88]
Im MĂ€rz 2018 wurde bekannt, dass Corbyn und einige seiner Mitarbeiter in Facebook-Gruppen aktiv waren, denen antisemitische Inhalte vorgeworfen wurden; Corbyn selbst gab an, er habe sich nur selektiv daran beteiligt und keine BeitrĂ€ge mit antisemitischem Inhalt wahrgenommencite-ref-89[89] bzw. gab an, davon nicht gewusst zu haben, und verlieĂ die Gruppen.cite-ref-90[90] Auch im MĂ€rz 2018 kritisierten jĂŒdische Gemeinden in einem offenen Brief Corbyn, weil er âimmer wiederâ Partei fĂŒr antisemitische Positionen ergreife und âideologisch so sehr auf seine weit links stehende Weltsicht fixiertâ sei, âdass er den jĂŒdischen Gemeinschaften der Mitte instinktiv feindselig gegenĂŒberstehtâ.cite-ref-91[91] Im August 2018 wurden Bilder veröffentlicht, die Corbyn 2014 bei einer Gedenkfeier fĂŒr die palĂ€stinensischen Terroristen des MĂŒnchner Olympia-Attentats zeigten.cite-ref-92[92] 2018 schrieben der Jewish Telegraph, die Jewish News und der Jewish Chronicle: âSeit Jeremy Corbyn 2015 Vorsitzender der Labour-Partei wurde, durchsetzen Schmutz und Schande des Antisemitismus die Oppositionspartei.â 68 Rabbiner Ă€uĂerten zudem in einem offenen Brief ihre BefĂŒrchtung, dass Corbyn mehr oder minder aktiv stereotype Vorurteile auch in Zukunft zulassen werde. Hintergrund war, dass die Labor-Partei nicht alle Kriterien der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) zur Definition von Antisemitismus anerkennen wollte.cite-ref-0-93-0[93]
Im November 2019 warf der britische Oberrabbiner Ephraim Mirvis Corbyn vor, nicht genĂŒgend gegen Antisemitismus in der Labour-Partei getan zu haben. âEin neues Gift â gebilligt von der Spitzeâ habe sich in der Partei breit gemacht. Dabei handle es sich um ein âFĂŒhrungsversagenâ, so Mirvis.cite-ref-94[94]
Reaktionen und Bewertungen
Im Juli 2018 trat der Labour-Abgeordnete Frank Field als Whip ab und begrĂŒndete diesen Schritt damit, dass die Labour-FĂŒhrung eine Antriebskraft fĂŒr Antisemitismus in der britischen Politik geworden sei. In der Partei regiere mittlerweile eine Kultur der Intoleranz, Bosheit und EinschĂŒchterung.cite-ref-95[95] Corbyn rĂ€umte im selben Monat ein, dass es ein âechtes Problemâ mit Antisemitismus in seiner Partei gebe. Labour arbeite jedoch daran, dagegen vorzugehen, sagte er zu. Beim Parteitag im September gestand er ein, der Antisemitismusstreit habe âimmense Verletzungen und Ăngste in der jĂŒdischen Gemeinschaft hervorgerufen und zu groĂem Unmut in der Partei gefĂŒhrtâ. Er hoffe, âwir können zusammen einen Schlussstrich ziehenâ.
Vom Simon Wiesenthal Center wurden Corbyns ĂuĂerungen 2018 auf Platz vier der schlimmsten antisemitischen VorfĂ€lle des Jahres gesetzt.cite-ref-96[96] Im Dezember 2019 wurde die von Corbyn gefĂŒhrte Labour Party vom Simon Wiesenthal Center auf Platz 1 der Liste der zehn gröĂten antisemitischen VorfĂ€lle weltweit gesetzt.cite-ref-97[97] Im November 2019 erklĂ€rte der langjĂ€hrige jĂŒdische Tory-Abgeordnete und Unterhaussprecher John Bercow, er glaube nicht, dass Corbyn antisemitisch sei. Er kenne Corbyn seit 22 Jahren und sei trotz unterschiedlicher politischer Orientierung gut mit ihm ausgekommen. Nie habe er einen âHauch von Antisemitismusâ bei ihm gespĂŒrt. Corbyn sei eine âziemlich sympathische Personâ.cite-ref-98[98] Die langjĂ€hrige Labour-Politikerin und Nachfahrin von Holocaust-Opfern Margaret Hodge nannte Corbyn einen âantisemitischen Rassistenâ.cite-ref-0-93-1[93] Zudem veröffentlichte eine Gruppe von Intellektuellen und KĂŒnstlern im Guardian einen offenen Brief, in dem sie aufforderten, Corbyn wegen seiner Antisemitismus-Verbindungen bei der anstehenden Unterhauswahl nicht zu wĂ€hlen. Zu der Unterzeichnern zĂ€hlten die Schriftsteller John Le CarrĂ© und Frederick Forsyth, die Historiker Anthony Beevor, Peter Frankopan und Tom Holland, die Schauspielerin Joanna Lumley und der Vorsitzende der Organisation Muslime gegen Antisemitismus Fiyaz Mughal.cite-ref-99[99]
Am 29. Oktober 2020 schloss die Partei Corbyn durch Entscheidung von GeneralsekretĂ€r David Evanscite-ref-bbc-20201711-100-0[100] bis zum Abschluss einer Untersuchung vorlĂ€ufig aus der Partei und der Unterhausfraktion aus. Anlass war Corbyns Reaktion auf den Bericht der unabhĂ€ngigen Gleichstellungs- und Menschenrechtskommission (Equality and Human Rights Commission) ĂŒber Antisemitismus in der Partei, in der Corbyn erklĂ€rte, ein Antisemit sei einer zu viel, aber das AusmaĂ des Problems sei âaus politischen GrĂŒnden von inner- und auĂerparteilichen Gegnern und vielen Medien dramatisch ĂŒbertrieben dargestelltâ worden. Corbyn wies auĂerdem die VorwĂŒrfe des Berichts gegen seine FĂŒhrung zurĂŒck: Er sei von der ParteibĂŒrokratie zunĂ€chst daran gehindert worden, das Antisemitismus-Problem anzugehen. Nach dem Amtsantritt seiner GeneralsekretĂ€rin Jennie Formby habe sein Team den Prozess zum Ausschluss von Antisemiten aus der Partei beschleunigt, statt ihn zu behindern. Der Bericht warf der ParteifĂŒhrung unter Corbyn schwerwiegendes Versagen beim Vorgehen gegen Antisemitismus und einen unzureichenden Prozess im Umgang mit Antisemitismusbeschwerden vor. Corbyn nannte seinen Ausschluss eine âpolitische Interventionâ und kĂŒndigte an, er werde dagegen vorgehen.cite-ref-101[101] Keir Starmer, Corbyns Nachfolger als Parteivorsitzender, befĂŒrwortete dessen Ausschluss. Am 17. November 2020 wurde Corbyn durch eine Entscheidung des Nationalen Exekutivkomitees der Partei wieder in die Labour-Partei aufgenommen. Zuvor hatte er klargestellt, Bedenken ĂŒber Antisemitismus seien nicht ĂŒbertrieben und er habe ausdrĂŒcken wollen, dass die ĂŒberwiegende Mehrheit der Labour-Mitglieder engagierte Antirassisten seien und blieben, die sich zutiefst gegen Antisemitismus aussprĂ€chen. Die parteinahe Jewish Labour Movement und der gemeinnĂŒtzige Holocaust Educational Trust kritisierten die Wiederaufnahme Corbyns, wĂ€hrend die Mitgliederorganisation Jewish Voice for Labour und die Gewerkschaft Unite the Union sie begrĂŒĂten.cite-ref-bbc-20201711-100-1[100] Eine Wiederaufnahme Corbyns in die Unterhausfraktion wurde vom Parteivorsitzenden Keir Starmer abgelehnt.cite-ref-102[102]
Privates
Corbyn ist zum dritten Mal verheiratet. Im Jahre 1974 heiratete er Jane Chapman, eine ehemalige StadtrĂ€tin und UniversitĂ€tsprofessorin fĂŒr Medienwissenschaft.cite-ref-103[103] Die Ehe wurde 1979 geschieden. 1987 heiratete er in zweiter Ehe Claudia Bracchitta, eine chilenische Exilantin, aus dieser Ehe gingen drei Söhne hervor. Die Ehe wurde 1999 geschieden; ein öffentlich bekanntgemachter Grund dafĂŒr war, dass sich die Eheleute nicht ĂŒber den weiterfĂŒhrenden Schulbesuch ihres Sohnes hĂ€tten einigen können. Corbyn habe seinen Sohn auf eine Gesamtschule in ihrem Stadtteil schicken wollen, seine Frau habe auf einer anderen Schule bestanden, da die Islingtoner Schule die vorgegebenen Bildungsziele des Bildungsministeriums damals verfehlt habe.cite-ref-104[104] 2013 schloss Corbyn seine dritte Ehe mit der Mexikanerin Laura Ălvarez.cite-ref-105[105]
Literatur
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âą Steve Richards: The Prime Ministers We Never Had: Success and Failure from Butler to Corbyn. Atlantic Books, London 2021, ISBN 978-1-83895-243-3.
âą Richard Seymour: Corbyn. The Strange Rebirth of Radical Politics. Verso, London 2016, ISBN 978-1-78663-299-9.
Weblinks
Commons
: Jeremy Corbyn
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą Offizielle Webseite von Jeremy Corbyn
Einzelnachweise
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